Luc Van Ryckeghem ist Verkaufsleiter Deutschland für den Geschäftsbereich Waterproofing der Renolit SE. Nach einem Master in Chemie begann seine Karriere in der Forschung und Entwicklung von Kunststofferzeugnissen, wo er für PVC-P- und EVA-Bahnen verantwortlich war. dachbaumagazin hat sich mit ihm über »Shattering« unterhalten, das 2011 für große Schäden bei Kunststoffabdichtungen sorgte.

»Die Risse sind häufig bis zu fünf Meter lang«

Luc Van Ryckeghem ist Verkaufsleiter bei Renolit und arbeitete zuvor 25 Jahre in der Forschung und Entwicklung von Dachabdichtungen aus Kunststoff.

Luc Van Ryckeghem ist Verkaufsleiter Deutschland für den Geschäftsbereich Waterproofing der Renolit SE. Nach einem Master in Chemie begann seine Karriere in der Forschung und Entwicklung von Kunststofferzeugnissen, wo er für PVC-P- und EVA-Bahnen verantwortlich war. dachbaumagazin hat sich mit ihm über »Shattering« unterhalten, das 2011 für große Schäden bei Kunststoffabdichtungen sorgte.

dachbaumagazin: Herr Van Ryckeghem, seit dem letzten Winter ist das Phänomen »Shattering« ins Bewusstsein der Dachdeckerbranche zurückgekehrt. Was ist darunter zu verstehen?

Luc Van Ryckeghem: Als »Shattering« wird das schlagartige und meist flächenmäßige Zerbrechen von Kunststoffbahnen bei großer Kälte bezeichnet. Dieses Phänomen trat erstmals in den 1980er-Jahren bei trägerlosen PVC-Bahnen der ersten Generation auf – allerdings nur dann, wenn sie unter Kies verlegt waren. Später wurde dann herausgefunden, dass »Shattering« auf einen extremen Weichmacherverlust durch den Einfluss von Mikroorganismen zurückzuführen war. Die Bahnen wurden dadurch immer spröder und sind irgendwann durch mechanische Belastung bei sehr niedrigen Temperaturen oder extremen Temperaturschocks wie Glas zerbrochen.

Wie sieht das Schadensbild beim »Shattering« aus?

Meist bilden die Bruchstellen ein sternförmiges Muster mit glasscharfen Kanten. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Frontscheibe eines Autos nach einem kräftigen Steinschlag. Die Risse sind nicht etwa oberflächlich, sondern ziehen sich durch die komplette Dicke der Bahn. Als Auslöser reicht bei einer spröden Bahn an einem sehr kalten Tag der Fuß eines Handwerkers oder ein Werkzeug, das auf die Abdichtung fällt. Der Schaden ist oft spektakulär: Es kracht ordentlich und die Risse sind nicht selten 4 bis 5 m lang.

Man hatte seit über zehn Jahren nichts mehr von »Shattering« gehört, und seit dem letzten Winter ist das Phänomen zurück. Sind wieder die Mikroorganismen schuld?

Das Schadensbild ist zwar identisch, die Ursache ist aber nicht auf den Verlust von Weichmachern in der Bahn zurückzuführen. Zudem ist es 2011 natürlich sehr abrupt kalt geworden, was die betroffenen Bahnen sehr anfällig für »Shattering«-Schäden gemacht hat. Was die Ursache angeht, bin ich vorsichtig – vielleicht so viel: Manche Bahnen sind aufgrund des enormen Preisdrucks im Markt nicht besser geworden. Außerdem werden die Dächer inzwischen häufiger begangen, beispielsweise zur Installation und Wartung von Solaranlagen. Früher ist ja manchmal fünf Jahre lang niemand auf dem Dach gewesen, sodass der mechanische Auslöser eines Schadens einfach ausblieb. Im Winter 2011 sollen durch »Shattering« rund 2 Millionen m² Dachfläche beschädigt worden sein.

Welche Bahnen sind betroffen?

Es handelt sich meist um ältere Bahnen, die schon 10 bis 20 Jahre der Witterung ausgesetzt waren. Zudem handelt es sich bei den Schäden um Kunststoffabdichtungen ohne Gewebeeinlage, die die auftretenden Kräfte durch den plötzlichen Kälteeinbruch nicht aufnehmen konnten. Außerdem sind nur lose verlegte Bahnen mit mechanischer Befestigung betroffen, während bei verklebten Abdichtungen keine Schäden bekannt sind.

Können die aktuellen Schäden durch Verarbeitungsfehler ausgelöst worden sein?

Nein, definitiv nicht. Das kann ich ausschließen.

Wie werden die Hersteller nun vorgehen, um das Problem zu lösen?

Der Verband der Kunststoffbahnenhersteller, der DUD, war leider aus politischen Gründen nicht in der Lage, ein einheitliches Statement abzugeben, was in der Branche für große Verunsicherung gesorgt hat. Deshalb ist das Thema auch noch lange nicht abgeschlossen: Die Dachdecker sind jetzt verunsichert, dabei spricht vieles für den Einsatz von Kunststoffbahnen. Ausgestattet mit der richtigen Rezeptur und einer innenliegenden Gewebearmierung können diese Bahnen ein Dach für mehrere Jahrzehnte sicher abdichten. Die Industrie sollte daher meiner Meinung nach offen mit den Problemen umgehen.

Herr Van Ryckeghem, wir bedanken uns für das Gespräch.

Shattering-Schaden: Die Risse breiten sich sternförmig aus und sind bis zu 5 m lang.

Die Risse gehen durch die gesamte Bahndicke und bilden glasscharfe Kanten. Fotos: Renolit

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