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Am 20. Mai 2022 fegte um 17 Uhr völlig unerwartet ein Tornado durch die Lippstädter Innenstadt und hinterließ ein Chaos, das man sonst nur von Sturmschäden aus den USA kennt. Wenige Minuten später klingelte das Telefon bei Dachdeckermeister Thorsten Mackenbrock, dem Obermeister der Innung Soest-Lippstadt. Seitdem sind sein Betrieb und alle Dachdecker der Region dabei, die riesigen Schäden zu reparieren.

Thorsten Mackenbrock

Dachdeckermeister Thorsten Mackenbrock ist Obermeister der Innung Soest-Lippstadt

dachbaumagazin: Herr Mackenbrock, können Sie das Ausmaß der Schäden bereits annähernd beziffern?

Thorsten Mackenbrock: Nein, das wäre wirklich Kaffeesatzleserei. Die Versicherer sprechen jedenfalls schon von mehrstelligen Millionenschäden, was ich mir durchaus vorstellen kann: Der Tornado hat in wenigen Minuten unzählige Dächer abgedeckt und ebenso viele PV-Anlagen aus ihren Befestigungen gerissen. Hier ist wirklich ein erheblicher Sachschaden entstanden.

Haben Sie ein Unwetter dieses Ausmaßes schon einmal erlebt?

Nein, wahrhaftig nicht. Ich kann mich in den 27 Jahren meines Berufslebens an keinen auch nur annähernd so heftigen Sturm mit so starken Schäden erinnern. Solche Bilder, wie sie jetzt bei uns in Lippstadt zu sehen sind, kennt man ja sonst nur aus dem Fernsehen, wenn in den USA Tornadosaison ist.

Wie sind die Dachdeckerbetriebe in Lippstadt mit dem enormen Schadensausmaß und den vielen Notfällen umgegangen?

Wenige Minuten, nachdem der Tornado über die Stadt gezogen war, kamen bereits die ersten Anrufe von Kunden mit abgedeckten Dächern. Ich habe sofort meine gesamte Belegschaft mobilisiert, um so schnell wie möglich so viele Notabdichtungen wie möglich zu erledigen. An diesem Tag waren sämtliche Dachdeckerbetriebe aus Lippstadt im Notdienst im Einsatz, und auch einige Partnerbetriebe aus nahe gelegenen Städten haben zum Glück eifrig mitgeholfen. Nach den Notabdichtungen geht es dann nach und nach an die Feinarbeiten, aber da müssen wir natürlich auch erst mal auf die Freigabe der Gelder von den Versicherungen warten. Zudem machen uns auch hier wieder Lieferengpässe das Leben schwer. Viele Lichtkuppeln haben derzeit eine Lieferzeit von sechs bis acht Wochen.

Wo der Tornado drübergezogen ist, ist wirklich alles kaputt gegangen.

Ist die gesamte Stadt betroffen oder hat es nur gewisse Bezirke erwischt?

Der Tornado hat sich wohl kurz vor der Stadtgrenze aufgebaut und dann die viel zitierte Schneise der Verwüstung hinterlassen. Im Stadtteil Hellinghausen ist der Turm der St. Clemens-Kirche auf halber Höhe abgebrochen, und in der Innenstadt sind die Schäden teilweise wie an der Schnur gezogen. Links der Bahnlinie sind an einer Stelle alle Bäume weg und viele Dächer beschädigt, rechts der Bahnlinie steht noch alles. Ich sitze mit meinem Betrieb im Süden der Stadt, hier gab es zum Glück nur einen Platzregen. Aber wo der Tornado drübergezogen ist, ist wirklich alles kaputt gegangen.

Welche Gebäude hat es besonders getroffen?

Das kann ich im Moment noch schlecht sagen, aber ich vermute die stärksten Schäden bei öffentlichen Gebäuden. Viele Schulen sind stark betroffen, und auch das Freibad wurde in großem Ausmaß beschädigt.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die teilweise enormen Verzögerungen, die durch die vielen ungeplanten Reparaturarbeiten entstehen?

Wir bitten natürlich um Geduld, aber es gibt trotzdem viel Ärger, weil einige Kunden eben keine Geduld haben – da geht es beispielsweise bei neuen PV- Anlagen sogar schon um mögliche Ertragsausfälle durch die verspätete Fertigstellung. Unser Problem: Die Personallage ist ja immer noch angespannt, und wir können die vielen Schäden nur nach und nach mit unserem Stammpersonal abarbeiten.

Wie haben Sie in dieser Extremsituation den Zusammenhalt unter den Handwerkskollegen und -betrieben erlebt?

Das hat im Großen und Ganzen sehr gut geklappt, alle Betriebe in der Region haben engagiert mitgezogen. Und auch die Koordination bei der Beseitigung der gröbsten Schäden hat einwandfrei funktioniert. So haben sich die Dachdecker zum Beispiel bei der Kranstellung abgestimmt, sodass oft vier Autokräne gleichzeitig in der Straße standen und diese dadurch nur einmal für den Durchgangsverkehr gesperrt werden musste.

Herr Mackenbrock, vielen Dank für das Gespräch.

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