Marco Weichert ist gelernter Maurer, hat jahrelang bei einem Reetdachdecker gearbeitet, sich dort zum Techniker im Hochbau weitergebildet und führt seit 2004 seinen eigenen Betrieb. Mit vier Mitarbeitern erwirtschaftet er seinen Umsatz zu 90 Prozent mit Reetdächern. Ab und zu macht er jedoch was ganz anderes: Filmkulissen aus Reet. Wir haben uns mit ihm über diese besondere Aufgabe unterhalten.

Marco Weichert ist Reetdachdecker und hat in Berlin seit 2004 einen Betrieb mit vier Mitarbeitern

dachbaumagazinWie sind Sie zum seltenen Beruf des Reetdachdeckers gekommen?

Marco Weichert: Ich wollte eigentlich immer schon Dachdecker werden, aber Anfang der 1990er-Jahre brauchte man ja fast Abitur, um eine Lehre als Dachdecker oder Zimmerer machen zu können. Deshalb habe ich erst mal eine Maurerlehre gemacht. Damals hat ein Freund von mir bei einem Reetdachdecker im Spreewald gearbeitet, und da dachte ich: Das ist ja ein cooles Ding, das würde ich auch gerne machen. Mein Freund hat das seinem Chef erzählt, und der hat nach einem halben Jahr bei mir angerufen. Wenig später hatte ich schon die erste Gaube gedeckt, ich habe da wohl tatsächlich Talent. Ich habe gemerkt, dass das genau mein Ding ist und war dann auch schnell Vorarbeiter.

Wie ging es weiter?

Ich habe irgendwann in den Wintermonaten eine Fortbildung zum Techniker im Hochbau absolviert, um mich dann 2004 mit einem eigenen Reetdachbetrieb selbstständig zu machen. Unsere Leser kennen Sie bereits wegen eines spektakulären Forschungsprojekts in den Alpen, wo eine Hütte mit Reet bekleidet wurde (dachbaumagazin 9/2020, Seite 38 bis 42).

Wie sind Sie zu diesem Auftrag gekommen?

Ich hatte zuvor im Museumsdorf Hochdorf bei Stuttgart ein Reetdach gedeckt, und da ist die Uni Stuttgart wohl auf mich gekommen. Ich bin Reetdachdecker mit Herzblut, und so ein Projekt macht man nur einmal im Leben: Die Höhe von 2600 m, die tolle Landschaft in den Alpen – durch die große Resonanz in den Medien hoffe ich, dass junge Architekten künftig den Baustoff Reet verstärkt im Blickfeld haben. Mir ist es ein großes Anliegen, dieses tolle Material aus der Vergangenheit auf die Baustellen der Zukunft zu holen.

Die Hütte in den Alpen ist aber nicht das einzige besondere Projekt, das Ihre Firma ausgeführt hat. Darüber hinaus bauen Sie auch Filmkulissen aus Reet.

Ja, das stimmt. Meine Leute und ich haben inzwischen bei den Kulissen von vier Filmen und zwei Serien mitgearbeitet. Den Anfang machte 2010 der Otto-Film
»Ottos Eleven«, bei dem wir für das Studio Berlin Adlershof mehrere Reetdächer gedeckt haben. Danach haben wir häufig mit dem Filmstudio Babelsberg zusammengearbeitet und standen dabei als Reetdachdecker immer wieder vor ungewöhnlichen Herausforderungen: Bei einer Produktion sollte das Reetdach beispielsweise alt und in die Jahre gekommen aussehen. Und da merkt man dann als qualitätsorientierter Handwerker, dass es ganz schön schwierig ist, ein Reetdach so krumm und buckelig zu decken, dass es auch wirklich verbraucht aussieht.

Wir haben bei den Kulissen von zwei Filmen und vier Serien mitgearbeitet.

Worauf kommt es bei der Arbeit mit einem Filmstudio an?

Meiner Meinung nach ist es ganz wichtig, dass man hier als Handwerker offen für die Wünsche und Anforderungen des Produktionsleiters ist. Außerdem muss man zeitlich flexibel sein: Es kann schon mal vorkommen, dass die kurz vor Weihnachten anrufen und es dann im Januar direkt losgehen soll. Flexibilität ist beim Film wichtig, wir haben im Kulissenbau auch oft spät abends oder sogar nachts gearbeitet. Aber das ist doch der Reiz: Ich mag es, neue Dinge auszuprobieren, und meine Mitarbeiter haben da auch Spaß dran.

Sind Sie damit jetzt der Reetexperte beim deutschen Film?

Ja, scheinbar. Manchmal rufen die Filmleute aber auch einfach nur an und wollen Schilfgras haben, das sie dann selbst in einer Kulisse verbauen.

Herr Weichert, vielen Dank für das Gespräch.

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