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Es ist urig statt cool, individuell statt hocheffizient – und eigentlich ist es nur ein Interimsbau, der aber Lust auf lange Nachnutzungen macht. In der Nähe des Kolumbusplatzes im Münchner Stadtteil Giesing hat die Gans Kreativ GmbH – ein Konstrukt der Gesellschafter Julian Hahn, Florian Jund und Philipp Behringer – ein Hexenhäuschen gebaut. Das Ziel dahinter war ein Wunsch der Stadt, des Bezirksausschusses und der Nachbarschaft: Sie alle wollten einen Ort der Begegnung schaffen, ein Kulturcafé, in dem man sich unverbindlich trifft, egal ob man konsumiert oder nicht.

 

Einst stand hier ein Gebäude der ehemaligen Reichsbahn. Dann zog ein Waschhaus in die Räume ein, ein Tröpferlbad, gewidmet der Reinheit von Mann, Frau und Kind. Später wandelte ein Blumenhändler alles in einen Laden um – und übergab den Standort bald darauf an einen Kioskbetreiber, der hier Zeitschriften, Brot und Bier anbot. Als auch der auszog, stand das Häuschen jahrzehntelang leer. Der Bestand verfiel zusehends, während eine Nachnutzung aus Baurechtsgründen kaum zu verwirklichen schien. Denn eigentlich ist ein Bauwerk auf dem teilweise der Stadt, teilweise Privatbesitzern gehörenden Gelände nicht erlaubt, da es laut Plan lediglich als erweiterte Grünfläche ausgewiesen ist. Das Baurecht ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Um das Grundstück bis zur Klärung eines etwaigen baulichen Anspruchs dennoch zu nutzen und den Bewohnern des Viertels einen scheinbar an den Leerstand verlorenen Bereich zurückzugeben, wandte sich der Bezirksausschuss an die Gebrüder Hahn. Die beiden sind in München dafür bekannt, Zwischennutzungen für scheinbar nicht nutzbare Bauten und Einrichtungen zu finden. Daniel Hahn hat auf dem ehemaligen Münchner Viehhof alte Münchner Tram- und U-Bahnwagen, Gondeln und Schiffscontainer aufgestellt und so ein Kulturprojekt mit dem Namen „Bahnwärter Thiel“ ins Leben gerufen. Nicht weit entfernt hat er den ausgemusterten Dampfer „Alte Utting“ auf einer Brücke platziert und kredenzt zwischen Steuer- und Backbord inzwischen Pizza und Crêpes, während sein Bruder Julian Hahn gemeinsam mit Florian Jund und Philipp Behringer im Münchner Westpark das Café Gans am Wasser betreibt. In mehreren Bauwagen serviert er dort zwischen flatternden Saris und Vogelgezwitscher Gemüsedöner und ein Kleinkunstprogramm.

Ein Kindheitstraum

An der Pilgersheimer Straße fand er stattdessen ein paar Bäume vor – alle erhaltenswert – und einen Holzbau, der so marode war, dass er von selbst zerfiel. „Ehrlich gesagt hat mich diese Szenerie sofort an die Hexenhäuschen erinnert, die ich aus den Märchen meiner Kindheit kannte“, erinnert sich Julian Hahn an den Ursprungsgedanken, der hinter dem Neubau in Giesing steht. Dazu wollte er den alten Kiosk an der Pilgersheimer Straße ursprünglich lediglich umbauen und erweitern.

Als sich der jedoch als statisch nicht ausreichend tragfähig und zudem vom Holzwurm zerfressen erwies, baute er das erträumte Hexenhäusl in kooperativer Teamarbeit einfach komplett neu. Die ersten Entwurfsgedanken lieferte Architekt Otto Müller, damals noch mit offenem Dachgeschoss, Kronleuchter und nur vier Tischen im ganzen Haus. Die Eingabeplanung übernahm dann das Büro Hennevogl + Weizendörfer Architekten, während Julian Hahn und seine Kollegen die Architektenplanung nochmals entgradigten. Statt minimalistisch geraden Linien hexten sie ihr schiefere Gauben, krummere Geländer und von breiten Fugen durchzogene Altholzdielen an. Sie drangen auf das mit 62 Grad geneigte Dach, „denn Hexenhäuser sind nie flach geneigt, sondern immer steil“ – so jedenfalls interpretiert Julian Hahn die Märchenwelt. Aus Platzgründen zogen sie darüber hinaus noch einen Spitzboden ein – schließlich sind vier Tische für ein Lokal nicht genug. Philipp Behringer übernahm beim Bau die Hauptarbeit und ist inzwischen federführend bei der Leitung des Lokals.

Die Zimmerei Drexl, der Klempnerbetrieb Jürgen Bliemel, Tragwerksplaner Dr. Ralf Reinecke, ein HLS-Ingenieur und weitere Fachkräfte planten und bauten das, was der Gesetzgebung, den Normen und der Statik gerecht werden muss. Den Rest er- und bearbeiteten die Bauherren zusammen mit befreundeten Handwerkern und Laien in Eigenleistung selbst. Messebauer, die in Coronazeiten auf Aufträge verzichten mussten, sprangen beim Holzbau ein, ein Schlossermeister, der normalerweise auf sechs Monate mit lukrativen Großprojekten ausgebucht ist, schweißte stattdessen die Treppengeländer im Hexenhaus. Die Lärchenschindeln für das Dach holte die Bauherrengemeinschaft selbst beim Schindelmacher aus Berchtesgaden ab. Bei der Dachkonstruktion ging der Zimmerer mit gutem Beispiel – bei den statisch relevanten Details – voran, und die drei Bauherren halfen bei der Fertigstellung der Restarbeiten und insbesondere bei der Ausführung der traditionellen Schindeldeckung zusammen mit vielen Freiwilligen tatkräftig mit.

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