Barrierefreie Räume, Edelstahlblechdach, Solaranlage und die klare Formensprache moderner Architektur: Für ein neues Designer-Mehrfamilienhaus am Gähkopf in Stuttgart wurden alle Register aktueller Wohnkultur gezogen – nur der Blitzschutz blieb lange Randthema.
Meist ist er das
ungeliebte Stiefkind in der Architekturplanung: der Blitzschutz. Als
notwendiges Übel wird er akzeptiert, aber in aller Regel nicht in Gestaltungs-
und Konstruktionsentwürfe miteinbezogen.
Die Bauherrin,
Architektin Claudia Neuhaus, hatte für das Gebäude die Blitzschutzklasse 3
festgelegt. Vor allem dem Personenschutz kam hohe Bedeutung zu, da das Dach in
Edelstahlblech ausgeführt ist und die Träger im Dachgeschoss aus massivem Stahl
bestehen, die ohne Fangeinrichtung Blitzteilströme direkt in den Wohnraum leiten
würden. Zudem wurden an den Trägern teilweise Strom- und Datenkabel verlegt,
über die es zu Einkopplungen und Überspannung in den Leitungen kommen würde. Die
Stahlträger hätten daher ebenfalls an den äußeren Blitzschutz angeschlossen
werden müssen. Insgesamt sollte das Schutzsystem das Haus sowie die Solaranlage
auf dem Dach abdecken. Gleichzeitig durften allerdings keine Ableitungen und
Fangspitzen zu sehen sein.
„Schon nach der ersten Baubegehung war klar, dass ein herkömmlicher isolierter Aufbau nur sehr schwer möglich gewesen wäre - wenn überhaupt", erklärt Steffen Hoffmann, Projektleiter bei der Alfred Riepl GmbH. Zur neu gebauten Stadtvilla in Stuttgart wurde der Diplom-Ingenieur erst gerufen, als die Fassade schon teilweise fertig war.
Für ein Gebäude dieser Größe mangelte es an ausreichend Ableitungen und Erdungsanschlüssen. Diese hätten hier erst wieder zugänglich gemacht werden müssen. Des Weiteren hätten die notwendigen Ableitungen auf der West-, Süd- und Ostseite Balkone beziehungsweise Dachterrassen überquert, deren Isolierung zu dem Zeitpunkt bereits abgeschlossen war. „Insgesamt wären laut unseren Berechnungen für das Gebäude sechs Ableitungen erforderlich gewesen, die aufgrund des Baufortschritts nur in Aufputzmontage hätten installiert werden können." Für die Bauherrin und das architektonische Gesamtbild eine zu große Beeinträchtigung.
Stattdessen
führte die Blitzschutzfirma eine Simulation mit dem Dynasphere-System 3000 der
Leutron GmbH durch. Anstelle der üblichen Franklin-Stange kommt hier eine
halbkugelförmige Fangeinrichtung zum Einsatz, die auf einem Mast ruht.
„Nähert
sich ein Abwärtsblitz, nimmt die Spannung an der Halbkuppel über die kapazitive
Kopplung zu", erklärt Rainer Jacobi, Vertriebsingenieur bei Leutron. „Sobald
damit die Isolationsspannung der Luftstrecke überschritten wird, entsteht ein
Lichtbogen zwischen der Halbkugel und der Fangstange." „Im Fall des
Mehrfamilienhauses am Gähkopf zeigten die Berechnungen, dass ein einziger, vier
Meter hoher Mast mit Fangeinrichtung ausreicht, um das gesamte Gebäude zu
schützen", so Hoffmann. Zudem konnte mit dieser Anordnung ohne zusätzliche
Kosten sogar Blitzschutzklasse 2 erreicht werden - eine höhere Sicherheitsstufe
als gefordert.
Das Dynasphere-System wurde in der Mitte der Dachfläche angebracht. „Problematisch war jedoch die weitere Leitungsführung des verwendeten hochspannungsisolierten Erico-Ableiters", berichtet Blitzschutzexperte Jacobi. „Er durfte nicht an der Fassade entlang verlegt werden, aber die meisten vorhandenen Kabeltrassen waren schon belegt." Schließlich wurde der zentrale Versorgungsschacht genutzt, der an seinem Ende sogar über eine Erdungsfahne verfügt. Die weiteren im Schacht verlegten Kabel wurden gegen Einkopplungen entsprechend abgeschirmt. Aus Personenschutzgründen montierte das Blitzschutzunternehmen Riepl um die offene Klemmstelle noch ein hochspannungsfestes Kunststoffgehäuse.
Das Dach aus Edelstahlblech, darunter massive Stahlträger im Dachgeschoss: Ohne entsprechenden Schutz würden hier Blitzströme direkt in die Wohnung geleitet.




