Prof. Dipl.-Ing. Georg Conradi studierte Architektur und Innenarchitektur, ist Tischlermeister und betreibt seit 1982 ein Architekturbüro. Seit 1995 ist er zudem Professor im Fachbereich Bauwesen der FH Lübeck. Sowohl in der Lehre wie auch in der Arbeit als Architekt liegen seine Schwerpunkte auf einer ökologischen, energiesparenden Bauweise. In umfangreichen Forschungsvorhaben beschäftigt er sich seit 2002 mit dem »Reetdach der Zukunft«.
dachbaumagazin: Herr Prof. Conradi, sie setzen sich in Ihren Forschungen für ein zukunfts¬fähiges Reetdach ein. Warum ist es überhaupt notwendig, diese historische Deckung zu erhalten?
Prof. Dipl.-Ing. Georg Conradi: Das Reetdach ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Zivilisation und löst bei den Menschen immer noch positive Emotionen aus. Zudem hat es eine lange Tradition und ist als nachwachsender Rohstoff überaus aktuell.
Seit einigen Jahren sind Reetdächer in die Kritik geraten: Erst war von vorzeitiger Verrottung durch Pilze die Rede, dann wurde Entwarnung gegeben, und jetzt sollen Klimaeinflüsse für die Schäden verantwortlich sein. Wo liegt denn nun das Problem?
Es gibt nicht eines, sondern eine ganze Reihe von Problemen: Dazu gehören nach wie vor Moosbewuchs und Pilzbefall. In einer Studie der TU Greifswald ist zwar herausgefunden worden, dass die im Verdacht stehende Weißfäule nur relativ geringe Schäden verursacht hat; schon immer gab es aber über 50 weitere Pilzarten, die einem Reetdach zusetzen können. Hier gibt es daher keinen Grund zur Entwarnung. Der bevorstehende Klimawandel ist noch problematischer: die Winter werden immer milder, während es im Frühjahr wie im Herbst häufiger regnen wird, wodurch die Feuchtigkeitsbelastung zunimmt. Auch Stickoxide, die Autos mit Katalysator ausstoßen, wirken sich negativ aus. Wenn dann auch noch mit minderwertigem Reet gedeckt wird, kann ein Dach nicht alt werden.
Wie können Dachdecker minderwertiges Material erkennen?
Mittlerweile wird fast nur noch vernünftiges Reet aus Ungarn, Rumänien oder China auf die Baustelle geliefert. Seit der Gründung der QSR (Gesellschaft für Qualitätssicherung Reet, www.reetdachdeckung.de) im Jahr 2005 ist die Sensibilität hier deutlich gestiegen. Problematisch sind jedoch nach wie vor alle Häuser, die vor dieser Zeit gedeckt wurden: Da haben viele Dachdecker alles verarbeitet, was geliefert wurde, und genau diese Dächer sind nun betroffen.
Gibt es weitere Faktoren, die für die Lebensdauer eines Reet- daches von Bedeutung sind?
Allerdings, und zwar die Qualität der handwerklichen Ausführung, die regelmäßige Wartung sowie der Standort des Hauses. Ein handwerklich mangelhaft ausgeführtes Dach wird aufgrund der verschlechterten klimatischen Bedingungen schnell zum Sanierungsfall werden, während eine regelmäßige Wartung die Lebensdauer eines Reetdachs deutlich erhöht. Weiterhin sollten in unmittelbarer Nähe eines Reetdachs keine großen Bäume stehen, da diese Feuchtigkeit abgeben, zur schnellen Vermoosung beitragen und durch Verschattung eine zügige Austrocknung des Reets verhindern. Nicht umsonst wurden die Hauslinden in Norddeutschland jahrhundertelang ab einer Höhe von circa 6 m beschnitten.
Wie wirken sich all diese Faktoren auf die Lebensdauer eines Reetdachs aus?
Früher konnte man bei regelmäßiger Wartung von 40 bis 60 Jahren ausgehen, heute halten Reetdächer selbst bei guter Pflege oft nur noch 30 Jahre.
Sie suchen derzeit in mehreren Forschungsprojekten nach dem »Reetdach der Zukunft«. Wie könnte das aussehen?
Für eine konkrete Antwort fragen Sie mich fünf Jahre zu früh. Wir experimentieren derzeit unter anderem mit verschiedenen Dachneigungen, aber auch mit einem Reetdach ohne Hinterlüftung. Letzteres ist schon seit 2003 im Dauerversuch und wird zusammen mit einem regelkonformen hinterlüfteten Reetdach alle fünf Minuten bezüglich des Feuchtigkeitsverhaltens dokumentiert. Wir sind da sehr mutig und zeigen die Ergebnisse unter www.regionalhaus.info in Echtzeit im Internet – bislang sind keine Schäden aufgetreten und auch keine Unterschiede zwischen den beiden Testdächern festzustellen. Zum Reetdach der Zukunft kann man schon jetzt sagen: Die Dachneigung wird deutlich steiler und lockere Bindungsarten werden zunehmen.
Experimentieren Sie auch mit chemisch behandeltem Reet?
Nein, denn mit der Chemie würden wir ja aus einem ökologischen Baustoff einen Kunststoff herstellen. Mein Forschungsteam und ich wollen stattdessen weiter mit dem naturbelassenen Rohstoff Reet bauen und sind uns sicher, dass wir dem Material mit unserer Arbeit noch viel Gutes tun können. Wir müssen das Reetdach noch nicht abschaffen.
Herr Prof. Conradi, wir bedanken uns für das Gespräch.
Architekturprofessor Georg Conradi forscht an der FH Lübeck, um das
traditionelle Reetdach zukunftsfähig zu machen.




